| Bürgerliches
Trauerspiel.
Von Gotthold Ephraim Lessing.
Am Theater Basel.
Monolog der Schauspielerin der Sara über die
Probenarbeit
"Da lag also dieses Stück vor uns, von dem ich wusste,
dass es für viele als so gut wie abgeschrieben galt, als verstaubter,
unspielbarer Klassiker, sozialkritisch heute völlig unaktuell.
Und dann hat ER angefangen, mit mir über das Stück zu
sprechen, und da war es plötzlich lebendig, -- zeitlos, spannend,
wie ein Kriminalroman. Dabei war überhaupt nichts geschehen,
-- am Stück nichts Wesentliches verändert und nichts umgedeutet.
– Ich bin heute noch fasziniert von der Einfachheit, mit der
er die Wahrheit gefunden hat. Er hat keine – zeitgemässen
Effekte gebraucht und erklügelte Verfremdungen – er hat
– nichts anderes getan – als den klaren Text Wort für
Wort durchleuchtet. – Auch ich selbst hätte mir niemals
gewünscht, diese Rolle zu spielen. – Im Gegenteil, wenn
es so etwas wie Antiwunschrollen gäbe – die Sara hätte
ich sicher dazugerechnet.
Aber nun, als ER mit mir darüber sprach, war diese Sara eine
interessante, lebendige Figur – bei ihm darf Sara endlich die
Liebe des Mellefont erwidern. Sie reagiert auf seine Annäherungsversuche
mit echter Sinnlichkeit. Er hat mir erklärt, was ein solcher
Vater, wie der Vater Galotti, an seinem Kind alles angerichtet haben
musste. Ich erinnere mich, wie er dabei – immer wieder von seiner
eigenen Tochter erzählte und von seinen Schwierigkeiten. –
Er wollte von mir wissen, ob auch mein Vater sehr gelitten hat, als
er mich an einen Mann – hergeben musste. – Und da war
es dann ganz klar, warum Sara – ausgerechnet dieses Grafen Appiani
heiraten soll.
Der Vater duldet neben sich keine echte Konkurrenz. – Unter
dem – Druck seiner gottähnlichen Vatergestalt, wie ER das
ausgedrückt hat, -- und unter dem Druck der Kirche, kann sich
ein junger Mensch nicht natürlich entwickeln. – Der Vater
führt das Mädchen in seinen – starren – Ehr-
und Freiheitsbegriffen über die – Tugendhaftigkeit –
zur scheinbaren Trieblosigkeit. – Sara muss zwischen ihren heranwachsenden
Gefühlsregungen – und dem daraus entstehenden Schuldgefühl
aufgerieben werden.
Und ich hatte gesehen, dass die Figur der Sara – etwas Wahres,
gar nicht Unmodernes hat. Ein seelisch nicht gesundes Geschöpf.
Aber trotz allem Einverständnis und aller Faszination –
der erste Teil der praktischen Arbeit in Wien wurde dann für
mich zu einer echten Belastungsprobe. – Die beiden ersten Akte
sind IHM als Ausgangspunkt des Stücks natürlich besonders
am Herzen gelegen. –
Aber es war vor allem Folgendes: -- Er hat den kraftvollen Schauspieler
geliebt, der gleich auf den ersten Proben überschäumt, und
– sich und seine Möglichkeiten anbietet. – Vielleicht
haben es Frauen bei ihm überhaupt schwerer gehabt. – Ich
jedenfalls fange bei der Arbeit eher zurückhaltend und langsam
an. Und in seiner Ungeduld, -- die aus seiner Arbeitswut kam –
und – aus der Tatsache, dass er immer schon zehn Schritte weiter
war und das fertige Bild schon vor Augen hatte, -- wollte er mir von
Anfang an seine Kraft, seine – starke – persönliche
Ausdrucksweise aufpfropfen. – Und – dieses Korsett –
schnürte er dann so eng, dass mir wirklich kein Raum für
eigenes Atmen blieb. – Diese – dieser erste Teil der Arbeit
am zweiten Akt war mir manchmal fast unerträglich, das muss ich
schon sagen. Gerade in der Führung meiner Rolle, die er mir theoretisch
so klar und modern vorgezeichnet hatte, empfand ich manche Geste und
manchen Ausdruck, den er von mir verlangte, als übertrieben und
daher unglaubwürdig. Später hat er dann vieles wieder etwas
zurückgenommen.
Aber er brachte einen auf diesem Weg – oft zu dem wahren Ausdruck,
den er gesucht hat. – Und man war aus den – sonst so oft
üblichen Ausdrucksreserven herausgetreten, wie er einmal gesagt
hat. Wenn er – zum Beispiel eine bestimmte Reaktion oder einen
bestimmten Ausdruck gespielt haben wollte, und man sagte ihm: "Aber
mein Herr, das habe ich doch gerade gemacht!", dann antwortete
er: "ich habe es aber nicht gesehen, also lassen Sie es weg!"
Oft fürchtete ich, dass meine Sara – unter seiner Hand
– ein fast zu pathologisches Geschöpf wurde, -- und daher
für die Liebe des Prinzen zuwenig attraktiv. – Aber er
konnte einen mit seinen Erklärungen restlos überzeugen.
– Er hatte auch – aufgrund seiner Persönlichkeit
ein ganz natürliches Recht auf Autorität.
Und als ich dann bei der Première – seine Sara spielte,
-- war mir sein Ursteil, -- seine Anerkennung und Zufriedenheit das
Wichtigste. – Später dann, -- während – der
langen Vorstellungsserie, -- ist es – mir, glaub ich, gelungen,
diese also seine Sara, auch ganz zu meiner zu machen."
Beteiligte
Regie: Samuel Schwarz
Bühne: Andy Hohl
Kostüme: Esther Schmid
Musik: Frank Heierli
Licht: Rainer Küng
Dramaturgie: Matthias Günther
Bühnenbildassistenz: Ramallah Aubrecht
Kostümassistenz: Diana Stiehl
Souffleuse: Iris Eick
Inspizienz: Isabell Alder
Spiel:
Sir William Samspson: Iris Erdmann
Miss Sara: Katja Jung
Mellefont: Markus Merz
Marwood: Martin Horn
Waitwell: Martin Hug
Norton: Philipp Stengele
Arabella/Betty/Hannah: Meret Hottinger
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